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Showing posts from 2020

Das Gegenteil von Gut - das Geschäft mit den Waisen und den weißen "Rettern"

 Acht Monate arbeitete Daniel Rössler für eine österreichische Hilfsorganisation als Projektmanager in einer ländlichen Region im Norden Ghanas. Eine seiner Aufgaben: Die Abwicklung eines Waisenhauses. Klingt vielleicht erst einmal hart, doch Rössler fand heraus: Bei den Kindern, die in dem Heim untergebracht waren, handelte es sich gar nicht um Waisenkinder. Sie hatten mindestens einen Elternteil. Und das Waisenhaus in seiner Projektregion, so hörte er damals, sei nicht das einzige dieser Art. Zwei Jahre nach seinem Projekteinsatz war Rössler wieder in Ghana - diesmal, um zu recherchieren, was es mit der implodierenden Zahl von Waisenhäusern in dem westafrikanischen Land auf sich habe.Das Ergebnis ist sein Buch "Das Gegenteil von gut....", das zwar schon vor einigen Jahren veröffentlicht wurde, aber - das zeigt ein Blick in einschlägige soziale Medien - weiterhin höchst aktuell ist. In dem Buch geht es um das Geschäft mit der Armut um "weiße Retter" und Voluntouris...

Poetische Frauengeschichte zwischen Lamu Archipel und China

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  Wer schon einmal auf den Inseln des Lamu-Archipels war, weiß: Es ist, wie in eine andere Zeit, ein anderes Tempo einzutauchen. Die Inseln, auf denen sich die Traditionen der Swahili-Kultur besonders lebendig erhalten haben, sind geprägt vom Rhythmus des Meeres, vom Ruf des Muezzin, von afrikanischem und omanischem Erbe, dem Schmelztiegel alter Handelsstädte - auch wenn von der einstigen Bedeutung auf den Routen, auf denen schon Sindbad der Seefahrer unterwegs gewesen sein dürfte, nicht mehr viel zu spüren ist. Das Leben scheint dort langsamer, gemächlicher voranzustreiten. Hier siedelt die kenianische Autorin Yvonne Adhiambo Owuor ihren neuen Roman "Das Meer der Libellen" an. Es ist nicht automatisch eine Welt, die der in Nairobi geborenen Owuor, deren familiäre Wurzeln dem Namen nach eher im Westen des Landes liegen dürften, automatisch vertraut sein dürften."Die Küste ist nicht Kenia" heißt es an einer Stelle, und immer ist in dem Buch vom Unterschied der Küsten...

Kalter Krieg und mörderischer Auftrag von New York nach Burkina Faso

Dieses Buch einer amerikanischen Autorin über eine schwarze FBI-Agentin passt vielleicht nur bedingt in dieses Blog, aber immerhin geht es um Afrika als Schauplatz des kalten Krieges während der Reagan-Ära und spielt zumindest teilweise in Burkina Faso. Nichtzuletzt ist die Frage von black identity und der Wirkung afrikanischer Realitäten auf die schwarze Hauptperson des Buches spannend als eine andere Afrika-Erfahrung. Im Klappentext zu "American Spy" wird Autorin Lauren Wilkinson gleich in ihrem Debütroman mit John Le Carré verglichen. Das ist eine Steilvorlage -  und wird beiden nur teilweise gerecht, denn sie liegen Generationen auseinander mit ganz verschiedenen Lebenserfahrungen und Perspektiven. Gewiss, auch "American Spy" ist ein Agententhriller und es geht um die Auseinandersetzungen im Kalten Krieg - doch da enden auch schon die Parallelen. Denn wo sich George Smiley und Co meist zwischen Berlin und Prag, Budapest und Moskau und natürlich Moskau belauert...

Afrikanische Fußballträume und harte Realitäten

Vom Lifestyle, Geld und vor allem vom Ruhm der Profifußballer sind wohl Kinder und Jugendlicher in aller Welt beeindruckt, die sich für Fußball interessieren. Und nirgends sind die Träume und die Hoffnungen größer als in den Ländern des globalen Südens, wo viele Menschen in Armut leben und die Bildungs- und Aufstiegschancen für die meisten Kids gering sind - und wo gleichzeitig die Liebe zum Fußball enorm ist. Der Straßenfußball, den man in Deutschland ja immer weniger findet, weil der sportbegeisterte Nachwuchs "ordentlich" im Verein angemeldet wird, ist in den Ländern Afrikas allgegenwärtig. In "Spiel des Lebens" beschreibt Sebastian Abbot ein Scouting-Projekt des Golfstaats Katar und des spanischen Talentsuchers Josep Colomer, der das Projekt "Football Dreams" ins Leben gerufen hat, auf der Suche nach dem neuen, dem afrikanischen Messi. Mit der "Aspire"-Akademie in Doha, mehr noch aber ihrem Ableger in Senegal sollte der talentiertest...

Ein Buch wie ein Nollywood-Film

Oops, she did it again!   Kann Krankenschwester Korede nach dem Anruf ihrer kleinen Schwester Ayoola nur denken. Sie hat es schon wieder getan. Denn während manche die Modedesignerin aufgrund ihres Äußeren als männermordendes Traumgeschöpf bezeichnen können, rammt Ayoola Männern in der Tat gerne mal eine 20 Zentimeter lange Klinge zwischen die Rippen.   Nun auch ihrem gegenwärtigen beziehungsweise ehemaligen Freund. Das ist nun bereits der dritte – und damit erfüllt Ayoola ganz offiziell die FBI-Standards für Serienmörder. Doch auch wenn die Schwester eine Serienmörderin ist – Blut ist nun einmal dicker als Wasser. Und so macht sich Korede mit Bleiche und anderem Material als Reinmachen, um Tatspuren zu beseitigen und die Leiche zu entsorgen. Ayoola mag schnell mit der Klinge sein, mit dem gründlichen Aufräumen nach der Tat hat sie es nicht so, da verlässt sie sich lieber auf die große Schwester. Es ist schon eine ganz besondere Schwesternbeziehung und Familiengeschi...

Wie aus Bibliothekaren Bücherschmuggler wurden

Bei Charlie Englishs Buch "Die Bücherschmuggler von Timbuktu" kommen gleich mehrere Arten von Lesern auf ihre Kosten - die historisch oder geografisch Interessierten, die Anhänger einer gut erzählten "David gegen Goliath"-Geschichte und natürlich all jene, in deren Ohren schon der Klang des Ortsnamens Timbuktu magisch-verheißungsvoll klingt, ähnlich wie Sansibar, Samarkand oder Buchara. Um die Geschichte der sagenumwobenen Oasenstadt geht es auch, um Mythos und Realität, aber auch um den - lange Zeit ignoranten und selbstherrlichen - europäischen Blick auf Afrika, um die Macht von Worten und Wissen und um die Konflikte, die den Wüstenstaat Mali in der Gegenwart prägen. Charlie English, lange Leiter des Auslandsressort des "Guardian", Mitglied der Royal Geographic Society  und seit seinem 19. Lebensjahr immer wieder unterwegs in Afrika, verwebt Geschichte und Geschichten, journalistisches Handwerk und Storytelling. Sein Buch über die Bücherschmuggler, jene ...

Tod eines Ex-Polizisten führt zu Verschwörungsplänen

Es dauert eine Weile, bis sich die beiden Handlungsfäden in Deon Meyers neuem Thriller "Beute" zu einem verweben - dann aber sind Spannung und Ungewissheit bis zum Ende garantiert. Die beiden südafrikanischen Detektive Bennie Griessel und Vaughn Cupido stoßen bei ihren Ermittlungen zum Tod eines ehemaligen Polizisten auf zahlreiche Widerstände. Erst nach und nach entdecken sie, dass es um sehr viel mehr geht - um Korruption und Machtmissbrauch, aber auch um den verzweifelten  Versuch, mit buchstäblich allen Mitteln das Steuer herumzureißen. Währenddessen geht im französischen Bordeaux ein älterer Mann seiner Arbeit bei einem Restaurator für antike Möbel nach - ein ruhiger, zurückgezogen lebender Mann, der dann plötzlich doch von seiner Vergangenheit eingeholt wird und zu einer schwierigen Entscheidung kommen muss. Dabei siehr zunächst alles nach einem Routinefall aus für das Duo Griessel und Cupido: Ein ehemaliger Polizist, der nun als Personenschützer arbeitet, begleitet...

Eindringlicher Roman über ein Opfer von Boko Haram

Schon der erste Satz zieht den Leser in eine dunkle Welt: "Ich war ein Mädchen, aber ich bin es nicht mehr", beginnt Edna O´Briens Roman "Das Mädchen" über die Geschichte einer nigerianischen Schülerin, die zusammen mit ihren Mitschülerinnen von Kämpfern der islamistischen Miliz Boko Haram aus dem Schlafsaal ihrer Schule entführt, in den Dschungel verschleppt und versklavt wurde. Maryam, die Ich-Erzählerin, wird in der Gefangenschaft immer wieder vergewaltigt und schließlich mit einem der Kämpfer verheiratet. O´Brien, die im Alter von 88 Jahren zweimal in Nigeria für ihren Roman recherchierte, schreibt ohne Larmoyanz, ohne Sensationsheischerei und ohne Voyeurismus über das Schicksal Maryams und ihrer Gefährtinnen. Auch ohne die Gewalt und den Missbrauch plakativ zu schildern, findet sie eindringliche Worte über das Leid der Mädchen, die "stumm wie Leichen" die Gewalt der Männer über sich ergehen lassen müssen.: "Aus den Zellen ringsum tödliches Schwei...

Knocking on Heaven´s door am Kilimanjaro

Mit "Das kann uns keiner nehmen" hat Mattias Politycki eine Mischung aus Afrikaroman und Geschichte einer Männerfreundschaft  angesichts von Krankheit und Tod geschrieben. Dabei sind offenbar zumindest teilweise eigene Erfahrungen mit Reisen und Bergsteigen in Afrika eingeflossen. Herausgekommen ist eine Art "Knocking on Heaven´s Door" am Gipfel des Kilimanjaro. Wer Probleme mit bayrischem Dialekt hat, könnte hier ein getrübtes Lesevergnühen haben. Hans will es noch einmal wissen, als er mit Anfang 60 den Kilimanjaro besteigt, den höchsten Berg Afrikas. Es ist nicht nur das Unternehmen eines Mannes, der sich mit der Bergbesteigung und einer Nacht im Krater des Vulkans dem Alter entgegenstemmen will. Es ist auch eine Konfrontation mit einer gescheiterten Liebe, einer ersten Reise nach Afrika, die nur schlechte Erinnerungen und diffuse Ängste hinterlassen hat. Doch dann, als er der Höhenkrankheit getrotzt und den Gipfel bezwungen hat, muss er erkennen, dass es mi...